"Vom 7. auf den 8. Oktober 1943"

Dichter Herbstnebel lag über dem Raum Stuttgart - Böblingen in der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober des fünften Kriegsjahres, als 342 der schweren Lancaster-Bomber von den südenglischen Flugbasen zu ihrem entsetzlichen Einsatz starteten. Sie unterstanden dem Kommando der Royal Air Force (R.A.F.) und der Royal Australian Air Force (R.A.A.F.). Dem Bomberverband waren etliche der schnellen Begleitflugzeuge des Typs "Mosquito" vorausgeschickt, die für gewöhnlich das Zielgebiet mit Leuchtbomben (sog. "Christbäume") markierten. Die Mosquitos nahmen Kurs auf München, wo sie mit dem massenhaften Abwurf von "window"-Staniolfolien einen Großangriff vortäuschten. Die List gelang, und die deutschen Leitstellen schickten ihre Nachtjäger zum vermeintlichen Feindverband in Richtung München. Währenddessen erreichten die alliierten Bomber ungehindert ihr tatsächliches Bestimmungsgebiet: Raum Stuttgart.

Die Städte und Landgemeinden lagen verdunkelt und die Flak schoss anfangs nicht - in der Hoffnung nicht entdeckt zu werden. Doch vergeblich: Die donnernden Bomberschwärme zogen nicht vorüber; sondern belegten Städte und Dörfer von Herrenberg bis Stuttgart im planmäßigen Flächenbombardement, wie es sie die R.A.F. seit dem Beginn des Jahres 1943 entwickelte, mit ihrer schrecklichen Fracht: Sprengbomben, Luftminen, Brandbomben. Neben strategischen Zielen der Kaserne und dem Flugplatz in Böblingen oder den Rüstungsbetrieben in Sindelfingen galt der Angriff zivilen Zielen, den bäuerlichen Landgemeinden oder Stuttgart mit Schwerpunkt Liederhalle - Tübinger Straße. Vielleicht aber zogen die Dörfer den Bombenangriff auf sich, weil sich in ihrer Umgebung mehrere Scheinflugplätze zur Verschleierung des eigentlichen in Böblingen befanden. So auch bei Rohrau, wo Sperrholzattrappen einen Flugplatz vortäuschten. Es mochte aber auch sein, dass die Bomberpiloten glaubten, bereits Stuttgarter Vorstadt- und Industriegebiete zu überfliegen, und nur der Raum Stuttgart Zielgebiet war.

Bilanz des Angriffs war erschreckend: In Stuttgart starben 101 Menschen in dieser Nacht und über 8.000 wurden obdachlos, in Böblingen forderte er 60 Tote und in der Nachbargemeinde Altdorf kamen 13 Menschen grausam ums Leben. (Diese Zahlen sind nur exemplarisch, viele andere betroffene Gemeinden werden nicht aufgeführt).

In Hildrizhausen kam in dieser Nacht Katharina Brösamle beim Versuch, das Vieh zu retten, ums Leben. Ein Drittel des örtlichen Wohnbestandes lag in Schutt. 60 Familien verloren ihr Zuhause; sie konnten jedoch bei glücklich Verschonten unterkommen.
Die Löschkräfte von Hildrizhausen taten alles Menschenmögliche, soviel vom Ort zu retten als möglich. Die älteren Männer und Jugendlichen, die für die Eingezogenen die Reihen der Feuerwehrmannschaften auffüllten, und die neuaufgestellte weibliche Wehr unter den Zugführerinnen Elisabeth Steinbauere und Ruth Zipperle wagten dabei Gesundheit und Leben. Über die ganze Länge des Dorfes loderten Brände auf. Zudem erschwerte Wassermangel die Löscharbeiten, denn die Wasserleitung war getroffen, die Würm und der Ruckenbach führten in diesem Jahr nicht genügend Wasser und auch das Freibad war bald schon ausgeschöpft. Most und Gülle wurden schließlich als Löschmittel herangetragen, aber etliche Gebäude mussten dennoch aufgegeben werden.

Glück hatte die Gemeinde trotz allem, denn zwei Luftminen verfehlten ihr Ziel, eine explodierte in südwestlicher Richtung im Wald in Abteilung neuer Garten und eine in nördlicher Richtung im Gewann Berg, auf dem in Richtung Mauren abfallenden Gelände, so dass auch die Druckwellen keine Schäden anrichten konnten.

Der Pfarrer Wolf schrieb seine Eindrücke aus der Bombennacht in Hildrizhausen kurz danach nieder, ein Ausschnitt daraus mag die damalige Szenerie veranschaulichen:





„Man hörte gut das Pfeifen der niedersausenden Bomben. Bald ertönte auch das Feuerwehrsignal und schon war die Nacht taghell erleuchtet. Man ging aus den Kellern heraus und sah rings in der Nachbarschaft auf der Süd-, Südost- und Ostseite des Pfarrhauses, aber auch westlich davon die Häuser in hellen Flammen stehen ... Über der "Geierhalde" sah man grelle Blitze von einschlagenden Bomben und spürte das mächtige Zittern. Schon ging der Brand auch auf das große Schulhaus über... Überall eilten Menschen hin und her und trugen aus den Häusern, was noch zu retten war. Die ganze Hafnerstraße auf ihrer Südseite, von Kirchenpfleger Notters Haus einschließlich bis zu Pauline Fischers Haus in der Nähe von Eingang zum "Zinken" brannte fast vollständig nieder bis auf die Häuser von Schuhmacher Gotthilf Reichardt, Wolf, Bürgermeister Walzens Haus, Witwe Völlers Haus beim Schulhaus und Waldhüter Schütz' Haus ebenda. Die Nordseite der Hafnerstraße wurde von Kaupps Haus und von der Schmiede ab bis Häusslers Haus einschließlich ebenfalls ein Raub der Flammen ... Gerade am Pfarrgarten machte das wütende Element Halt. Ein Glück war es, dass in jener Nacht Windstille herrschte ... Die Häuser des "Hundsrückens" wurden fast sämtliche zerstört, auch brannte die "Untere Mühle" ab ... Mit Eifer machte man sich an das Löschen mit Pumpen und Spritzen, aber bald trat völliger Wassermangel ein ... schließlich nützte alles nichts mehr, die rasenden Elemente wollten ihr Opfer haben. Die Hitze war so groß, dass das Hartgeld in der Kasse des Kirchenpflegers zu einem Klumpen zusammenschmolz ... Als man nach Tagesanbruch ... durch das Dorf ging, bot sich einem ein Bild grauenvoller Zerstörung; überall schwelende Ruinen rechts und links, und an manchem Ort musste man sich fragen: Was für ein Haus hat da eigentlich gestanden ? Etwa um 6.00 Uhrfrüh ertönte die Glocke des Ausschellers und es wurde bekannt gegeben: 'Die Fliegerbeschädigten nehmen in der Krone" ein Frühstück ein; die nichtfliegerbeschädigt sind, sollen ein Brotlaib mitbringen'. (Die beiden anderen Gasthäuser des Ortes "Löwen" mit Bäckerei und "Hirsch" waren zerstört.)"

Die Fliegergeschädigten wurden fürs Erste im Gemeindehaus aufgenommen. Dort wurde im sog. "Schüle" einige Wochen später auch wieder Schulunterricht abgehalten. Das Brot musste anfangs noch von Herrenberg gebracht werden.